»Den Kopf in den Sand zu stecken ist keine Lösung«

September 2019 | Wirtschaftswoche | Risikomanagement

»Den Kopf in den Sand zu stecken ist keine Lösung«

Die deutsche Wirtschaft operiert in risikoreichen Zeiten.

Illustration: Maria Corbi
Interview: Klaus Lüber / Redaktion

Geopolitische Spannungen nehmen zu, der Multilateralismus, lange ein Garant globalen Wirtschaftswachstums, weicht protektionistischen Tendenzen, Unternehmen stehen unter dem Druck von Regulatorik und Öffentlichkeit. Wie sieht in einem solchen Szenario ein sinnvolles Risikomanagement aus? Andreas Glunz, Bereichsvorstand International Business und Dr. Stefan Otremba, Leiter Corporate Risk Management bei KPMG, im Gespräch.

 

Herr Glunz, als Experte für International Business und Geopolitik stehen Sie mit vielen internationalen Konzernen in Deutschland und deutschen Unternehmen im Ausland in Kontakt. Wie ist denn die Stimmung angesichts der scheinbar überall lauernden Krisenherde?
Andreas Glunz: Erstaunlich gut.  Erst kürzlich haben wir deutsche Unternehmen in China nach ihren Erwartungen gefragt, und die sind ziemlich positiv. Man rechnet in großem Umfang mit steigenden Umsätzen – vielleicht ein bisschen weniger stark als im letzten Jahr. Aber ganz grundsätzlich wird die Gefahr einer weltweiten Rezession durch protektionistische Tendenzen, ein Risikoszenario, das in den Medien ja gerade sehr präsent ist, wohl im Augenblick weniger dramatisch gesehen als man denken sollte.

 

Überrascht Sie das?
Andreas Glunz: Ein wenig schon, aber ich denke, es ist wichtig, hier zu differenzieren. Beispielsweise ist der Handelskonflikt zwischen den USA und China im Augenblick ja nicht nur eine potenzielle Bedrohung, sondern hatte bislang auch durchaus positive Effekte für die deutsche Wirtschaft. Schließlich hat der harte Kurs der USA zu einer stärkeren Öffnung des chinesischen Marktes für ausländische Produkte und fairere Wettbewerbsbedingungen für internationale Unternehmen in China geführt. Auch die Steuerpolitik und die Deregulierung in den USA werden von den dort ansässigen deutschen Unternehmen als sehr positiv bewertet. Andererseits ist aber auch klar: Das Risiko, dass der Handelskonflikt zwischen den USA und China weiter eskaliert, ist relativ groß. Und dies wird auch die deutsche Wirtschaft in Mitleidenschaft ziehen.

 

Das wirkt ein bisschen so, als ob man drohende Gefahren ein Stück weit verdrängt. Das müsste Sie als Berater im Bereich Risikomanagement alarmieren, Herr Otremba, richtig?
Stefan Otremba: Da gibt es in der Tat einen nicht ungefährlichen Mangel an Risikowahrnehmung. Viele große Konzerne und Familienunternehmen, so beobachten wir in Gesprächen, können sich nach zehn Jahren Hochkonjunktur schlicht nicht mehr vorstellen, was es bedeuten könnte, dass diese Zeit endet. Ihre Sensibilität für Entwicklungen, welche die langfristige Wertschöpfungsfähigkeit beeinträchtigen können, reflektiert häufig nicht die tatsächliche Risikolage. Dasselbe gilt für die angewendeten Methoden und Prozesse, die eine systematische Identifikation und Bewertung von Risiken erst ermöglichen. Dabei wäre es in so hochvolatilen Zeiten wie heute essenziell, die Anzeichen für das, was wir Krise nennen würden, zum Beispiel geopolitische Entwicklungen, richtig zu deuten und die eigene Entscheidungsfindung operativ und strategisch darauf auszurichten. Ich sehe da eine große Zurückhaltung, Unsicherheit und fehlende Orientierung in diesen komplexen Zeiten.

 

Ihre Anfang des Jahres veröffentlichte Studie zu den Risiken eines Brexits scheint das zu bestätigen, Herr Glunz.
Andreas Glunz: Richtig. Da zeigte sich, und das gilt allem Anschein nach auch heute noch, dass etwa die Hälfte aller deutschen Unternehmen sich auch jetzt noch nicht auf den Brexit vorbereitet hat. Die meisten Unternehmen verhalten sich so, als ob, ähnlich wie bei der Griechenlandkrise, die Politik am Ende doch bereit ist, Konzessionen zu machen. Dabei ist der Brexit ja nur Ausdruck eines viel umfassenderen Trends. Es gibt inzwischen weltwirtschaftlich und geopolitisch viele Einzelkämpfer, die primär Partikularinteressen für ihr Land verfolgen und politische Konflikte mit wirtschaftlichen Sanktionen und protektionistischen Mitteln austragen, dass es im Grunde fahrlässig wäre, sich nicht auf turbulente Zeiten einzustellen.

 

Sehen Sie das auch so, Herr Otremba?
Stefan Otremba: Unbedingt. Allgemein kann man sagen, dass die Risikolage für Unternehmen in den letzten zehn bis 15 Jahren deutlich an Komplexität gewonnen hat. Auf der einen Seite beobachten wir massiv gestiegene regulatorische Anforderungen, vor allem aber auch erhöhte Risiken, die sich aus der verstärkten Rechtsdurchsetzung ergeben. Es vergeht ja gerade gefühlt kein Tag, an dem nicht über erhöhte Strafzahlungen berichtet oder sogar persönliche Haftung in den Mittelpunkt der Sanktionierung von Fehlverhalten gestellt wird. Auf der anderen Seite hat der Innovationsdruck durch das Aufkommen neuer Marktteilnehmer zugenommen. Die Globalisierung, aber auch teils disruptiv agierende Start-ups zwingen Unternehmen, sich ständig weiterzuentwickeln und Innovativität mit Profitabilität in Einklang zu bringen.

 

Könnte es sein, dass sich auch die allgemeine öffentliche Erwartung an Unternehmen geändert hat?
Stefan Otremba: Auch das spielt eine Rolle, natürlich. Die gesellschaftlichen Erwartungen an das, was Unternehmen an Mehrwert – auch im gesellschaftlichen Sinne – erzeugen, sind erheblich gestiegen. Auch hier gibt es, wenngleich nicht rechtliche, so doch zumindest gesellschaftliche Möglichkeiten der Sanktionierung, insbesondere über die sogenannten sozialen Netzwerke, die mit einer ungeheuren Geschwindigkeit Fehlverhalten ahnden und die unternehmerische „license to operate“ gefährden können. Die Konsequenzen für Unternehmen sind nicht zu unterschätzen.

 

Welchen Einfluss haben technologische Veränderungen auf die Risikolage, Herr Glunz?
Andreas Glunz: Die digitale Revolution und das Aufkommen neuer – häufig internationaler – Marktteilnehmer stellt eine ernstzunehmende Herausforderung für viele Unternehmen dar. Dabei hat die Veränderungsdynamik erheblich zugenommen als Folge der Digitalisierung aller Lebensbereiche und Geschäftsprozesse, der globalen Vernetzung und dem Wettbewerb mit Unternehmen, die sich in weniger regulierten Märkten entwickeln; erinnert sei hier nur an die bereits recht bekannten chinesischen Internetfirmen, wie Alibaba, Baidu und Tencent. Viele tradierte Geschäftsmodelle werden in zehn Jahren so nicht mehr funktionieren und heute noch renommierte Unternehmen möglicherweise vom Markt verschwinden.

 

Was bedeutet das nun alles für die Unternehmen? Wie sollte man sich, im Sinne eines effektiven Risikomanagements, verhalten, Herr Otremba?
Stefan Otremba: Entscheidend ist es zu akzeptieren, dass man sich in Zeiten zunehmender Volatilität vorausschauend vorbereiten und relevante operative und strategische Risikoszenarien im Blick behalten muss. Dann nämlich, und auch das gehört zu einem sinnvollen Risikomanagement, hat man auch die Möglichkeit, potenziell gefährliche Entwicklungen als Marktchancen zu nutzen. So unberechenbar die Geopolitik gerade ist, so sehr kann man sich auch überlegen, wie Megatrends im geopolitischen Bereich auch als Chancen begriffen werden können.