Schlafwandelnd in die Krise

April 2019 | Wirtschaftswoche | Risikomanagement

Schlafwandelnd in die Krise

Einmal im Jahr veröffentlicht das Weltwirtschaftsforum seinen Global Risks Report. Wir haben die wichtigsten Punkte der aktuellen Ausgabe für Sie zusammengefasst.

Illustration: Ivonne Schulze
Klaus Lüber / Redaktion

Der seit 2006 im Rahmen des Weltwirtschaftsforums erscheinende Global Risks Report ist keine leichte Lektüre. Über 1000 Experten weltweit haben einmal im Jahr die Gelegenheit, sich die größten Bedrohungen auszumalen, vor denen die Menschheit gerade steht. Da darf eine gewisse Drastik in der Darstellung natürlich nicht fehlen, schließlich geht es darum, aufzurütteln und für die anstehenden Herausforderungen zu sensibilisieren.


„Schlafwandelt die Welt in eine globale Krise?“, fragt der im Januar veröffentlichte diesjährige Report schon zu Beginn provokant. Überall drohten komplexe Risiken, von Handelskriegen, Klimawandel, technologischen Instabilitäten bis hin zur Rückkehr nationalistischer Tendenzen in der Politik. In den Griff bekommen könne man sie nur gemeinsam. Und dennoch scheine die Bereitschaft der Welt zur Zusammenarbeit auf einem Tiefpunkt angekommen. Schuld seien vor allem die sich verschlechternden internationalen Beziehungen und ein dadurch gehemmtes Wachstum der Weltwirtschaft.


Børge Brende, Präsident des Weltwirtschaftsforums, der das Editorial für den Bericht beisteuert, fordert eine Erneuerung der internationalen Zusammenarbeit: „Wir verfügen schlicht nicht über die Möglichkeiten, diese Art von Abschwächung zu bewältigen, zu der uns die aktuelle Dynamik führen könnte. Was wir nun benötigen, sind koordinierte, abgestimmte Maßnahmen, um das Wachstum zu erhalten und die schwerwiegenden Bedrohungen, denen unsere Welt heute gegenübersteht, zu bewältigen.“


Doch um aktiv zu werden, müssen die Risiken zunächst einmal klar beschrieben sein. Basierend auf einer Umfrage zur Risikowahrnehmung, dem sogenannten Global Risks Perception Survey (GRPS), präsentiert der Bericht zunächst fünf übergreifende Themenfelder: Ökonomie, Geopolitik, Umwelt, Technologie und Gesellschaft. Die Experten konnten zu 42 Einzelrisiken angeben, ob sie für 2019 mit einer Zunahme der Eintrittswahrscheinlichkeit rechnen. Zusätzlich ordnete sie die Risiken nach Wahrscheinlichkeit, Effekt und definierten Trends (siehe Grafik).

 

Ökonomie –steigende Ungleichheit

 

Rang eins und zwei des GRPS belegen die Risiken einer ökonomischen Konfrontation zwischen Weltmächten (91 Prozent) und der Erosion multilateraler Handelsregeln und -abkommen (88 Prozent). Allgemein konstatiert der Bericht einen Anstieg der Volatilität des Finanzmarktes und ein sich tendenziell abschwächendes Wachstum der Weltwirtschaft. Dafür sei vor allem eine nicht mehr ganz so dynamische chinesische Wirtschaft verantwortlich. Eine zentrale Rolle bei der hohen Risikobewertung des Themenfeldes spielt auch der Faktor Ungleichheit. Obwohl sie im globalen Maßstab zurückgegangen ist, nimmt sie innerhalb bestimmter Regionen weiterhin zu. Dabei ist ein Shift von öffentlichem zu privaten Kapital zu beobachten. In Verbindung mit einer politischen Polarisation erodiert die Ungleichheit den sozialen Zusammenhalt einer Gesellschaft. Die hat auch ökonomische Folgen, wie der Bericht anhand einer 2010 im US-Fachmagazin American Economic Review veröffentlichten Studie verdeutlichen will. Untersucht wurde, um welchen Anteil das Pro-Kopf-Einkommen eines Landes steigt, würde dort derselbe hohe Level an innergesellschaftlichem Vertrauen vorherrschen wie in Schweden. Sogar in hoch entwickelten westlichen Industrienationen seien die zu erwartenden Steigerungsraten erstaunlich: von sechs Prozent in Großbritannien bis zu 17 Prozent in Italien.

 

Geopolitik –Macht und Werte

 

Die Machtverhältnisse, insbesondere zwischen großen Playern wie den USA und China, verschieben sich. Gleichzeitig zeigt sich immer deutlicher, dass sich die Theorie einer weltweiten Konvergenz in Richtung westlicher Normen, wie sie nach dem Kalten Krieg prophezeit wurde, als unbrauchbar erwiesen hat. Multipolar und multikonzeptuell nennt der Bericht diese Entwicklung. Dies führe zu einer Schwächung des Multilateralismus und zu einer Politik des starken Staates. Der Multilateralismus als Konzept stehe zunehmend in der Kritik. Er sei noch zu sehr dem Konstrukt von Werten und Macht nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs verhaftet und müsse den aktuellen Entwicklungen angepasst werden. Nicht leugnen lasse sich, dass das ökonomische Gravitationszentrum sich nach Asien verschiebt. Auf 27,2 Prozent und 4,6 Prozent beliefen sich die Anteile der globalen Wirtschaftsleistung der USA und China im Jahr 1950. 2017 hatten sich die Werte auf 15,3 Prozent (USA) und 18,2 Prozent geändert. Dies alles erhöhe die Wahrscheinlichkeit von politischen Spannungen. 85 Prozent der Experten befürchten zunehmende politische Konfrontationen zwischen Weltmächten.

 

Umwelt – Wetterextreme und steigender Meeresspiegel

 

Umweltrisiken gehören wie in den Berichten der vergangenen Jahre auch 2019 zu den Top-Risiken, sowohl was die Eintrittswahrscheinlichkeit als auch den Effekt angeht. Besonders besorgt sind die Experten im Hinblick auf ein politisches Scheitern von Klimaabkommen. Aus der langen Liste konkreter Bedrohungen betont der Bericht besonders das zunehmende Risiko von Lieferketten-Unterbrechungen durch Naturkatastrophen. Diese seien seit 2012 um 29 Prozent gestiegen. 2017 war Nordamerika am stärksten betroffen, vor allem aufgrund der Zerstörungen durch Hurrikane und Waldbrände. Den größten Raum bietet der Bericht dem komplexen Risiko eines steigenden Meeresspiegels. Laut Daten der Weltbank sind 70 Prozent der größten Städte Europas für diesen inzwischen als unvermeidlich geltenden Effekt des Klimawandels anfällig. Noch schwerer wird Asien betroffen sein, dort leben vier Fünftel aller Menschen, die von einem steigenden Meeresspiegel betroffen wären, stiege die globale Durchschnittstemperatur um mehr als drei Grad. Die Migrationsbewegungen, die durch solche Entwicklungen ausgelöst werden, gelten schon heute als eines der größten globalen Sicherheitsrisiken überhaupt: 86 Millionen Menschen in Sub-Sahara-Afrika, 40 Millionen Menschen in Südasien und 17 Millionen in Lateinamerika könnten, so die Prognose der Weltbank, bis 2050 durch den Klimawandel zur Flucht gezwungen werden.

 

Technologie –neue Instabilitäten

 

Ebenfalls ganz oben im Ranking (Platz vier und fünf) rangieren mit 82 und 80 Prozent die Risiken von Cyberattacken. Was die Wahrscheinlichkeit und den Zerstörungseffekt angeht, sehen die Experten technologische Instabilitäten inzwischen auf demselben Level wie den Klimawandel. Die Gründe für diese Einschätzung sieht der Bericht in der zunehmenden Tiefe, mit der sich Technologie in unser Leben integriert. Als größte Herausforderungen sehen die Experten Fake News und Identitätsdiebstahl, den Verlust privater Daten an Firmen und Regierungen und den Angriff auf kritische Infrastrukturen – zu sehen etwa an mehreren spektakulären Zwischenfällen im Jahr 2018: Im Januar wurde in Indien eine Datenbank der Regierung gehackt und die Datensätze von 1,1 Milliarden Menschen offengelegt. Im Juli 2018 gab die US-Regierung bekannt, dass Hacker die Kontrollzentren von Energieversorgungsunternehmen infiltriert hätten. Zum Phänomen Fake News zitiert der Bericht eine Studie von 2018, wonach Nachrichten auf Twitter, die Falschinformationen enthielten, Leser sechsmal so häufig erreichten wie Meldungen, die keine Fake News enthielten. Der Grund: Fake News rufen stärkere Emotionen hervor. Besonderes Augenmerk, so der Bericht, sollte deshalb in Zukunft auf das Zusammenspiel zwischen Emotion und Technologie gelegt werden.

 

Gesellschaft –Herzen und Köpfe

 

Einen besonderen Schwerpunkt legt der diesjährige Bericht in einem mit „Heads and Hearts“ überschriebenen Kapitel auf die psychologischen und emotionalen Effekte der aktuellen Weltlage. Ein wichtiges Phänomen in diesem Kontext sei die zunehmende gesellschaftliche Polarisierung. In vielen Ländern seien die Spannungen zwischen politischen Lagern so groß wie lange nicht mehr. Ein zunehmender Verlust gesellschaftlichen Zusammenhalts erhöhe dabei den Druck auf politische Institutionen immer weiter, anti-elitistische Strömungen nehmen zu, Populismus und Nationalismus entwickeln sich zu ernstzunehmenden Risikofaktoren. Doch der Report geht noch eine Stufe tiefer und fragt nach der psychischen und emotionalen Konstitution der Menschen, die solche Trends erst hevorbrächten. Viele Studien belegen einen starken Zuwachs an Depressionen und Angstzuständen, immer mehr Menschen reagieren mit Furcht und Wut auf die Herausforderungen der modernen Welt. Darüber hinaus scheint Wut eine neue Qualität bekommen zu haben und sich nicht mehr vor allem aus dem Verlust von Status zu speisen, sondern eine immer größere Rolle in der Ausbildung von Gruppenidentität zu spielen. Hier sieht der Bericht den eigentlichen Treiber der gesellschaftlichen Polarisierung.