»Corona ist nur ein Vorgeschmack«

Mai 2021 | Wirtschaftswoche | Risikomanagment

»Corona ist nur ein Vorgeschmack«

Die globale Ökologie bildet den größten Risikofaktor der Zukunft.

Illustration: Ivonne Schulze
Mirko Heinemann / Redaktion

Wirtschaftswissenschaftler drängen die Politik, möglichst klare Regeln vorzugeben und dabei die Gesamtwirtschaft im Blick zu haben. Denn die Corona-Pandemie macht deutlich, welche Folgen Politikversagen nach sich ziehen kann.

 

Noch vor etwas mehr als einem Jahr konnten sich nur die Wenigsten ein Szenario vorstellen, wie wir es zurzeit erleben. Vor Ausbruch von Covid-19 standen Pandemien und andere Gesundheitskrisen auf den Listen von Risikomanagern eher auf den hinteren Plätzen. Genauer gesagt: auf Platz 60 von 69 identifizierten Risiken. Das ergab eine globale Umfrage unter 3.000 Risikomanagern des Beratungs- und Dienstleistungsunternehmens Aon. Als dann die Corona-Krise über die Welt hereinbrach, war schnelles Risikomanagement gefragt. Vielen Betrieben fiel es schwer, schnell zu reagieren und Notfallpläne umzusetzen. Zum Risikomanager Nummer Eins avancierte der Staat. Staatliche Institutionen auf nationaler und europäischer Ebene ordneten Lockdown-Maßnahmen an und versuchen seitdem, deren Folgen für die Wirtschaft mit Krediten und Förderungsmaßnahmen abzufedern.

 

Mit Erfolg? Ein Jahr später zeigt sich ein differenziertes Bild: Zahlreiche kleine und mittelständische Unternehmen sind stark mitgenommen. Im Corona-Jahr 2020 meldeten zwar neun Prozent weniger als noch 2019 Insolvenz an, doch die gesunkene Zahl ist nach Ansicht des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln auf die Aussetzung der Insolvenzantragspflicht zu wechselnden Konditionen zurückzuführen. 4.500 Firmen seien zwar noch aktiv, aber nicht wirtschaftlich überlebensfähig. Diese sogenannten „Zombieunternehmen“ wären unter anderen rechtlichen Rahmenbedingungen womöglich bereits vom Markt verschwunden. Die 2020 ausgebliebenen Insolvenzen werden nach Ansicht der Wirtschaftsforscher die Zahl für 2021 stark nach oben treiben. Das Ifo Institut prognostiziert auf Basis von Umfragen 750.000 existenzbedrohte Unternehmen in Deutschland.

 

„Für Unternehmen geht es jetzt darum, sich wirkungsvoll in eine zukunftsfähigere Position zu bringen“, findet Kai Büchter, CEO von Aon Commercial Risk Solutions, Health Solutions & Affinity. „Priorität dabei haben laut unserer Studie vor allem drei Bereiche: der klare Blick auf langwierige und neu auftretende Risiken, der Aufbau einer widerstandsfähigeren Belegschaft und den Zugang zu Kapital zu überdenken. Unternehmen brauchen neue, nachhaltige und flexible Lösungen, um sich in einem immer komplexeren und volatileren Umfeld zu behaupten – übrigens nicht nur bestimmt durch Pandemien, sondern ebenso durch Entwicklungen wie zum Beispiel Cyberrisiken, aber auch durch Klimawandel und den Einfluss geopolitischer Veränderungen auf Supply Chain Ketten.“ Dabei übernehmen Risikomanager eine zentrale Rolle: „Das Risikomanagement hat für ein Unternehmen geradezu strategische Bedeutung. Es trägt dazu bei, seine Resilienz zu stärken und damit Zukunftsfähigkeit zu sichern.“

 

Mehr als die Hälfte der Unternehmen geht davon aus, dass die Folgen der Pandemie noch länger als ein Jahr andauern werden. Es herrsche beim größten Teil der befragten Unternehmen Übereinstimmung darüber, dass die wichtigste Lehre, die man aus der Pandemie mitnehmen kann, die Notwendigkeit eines integrierten, agileren, unternehmensweiten Risikoansatzes ist. Dabei sollten alle Bereiche in einem Unternehmen eingebunden sein – wie zum Beispiel IT, Risikomanagement, Versicherung, HR, Finanzen, Recht, Kommunikation – um Krisen bestmöglich zu bewältigen.

 

Die eingangs zitierte Aon-Studie zeigt: Unternehmen müssen sich auf drastisch veränderte Risiken einstellen und das Risikomanagement weiterentwickeln, um Widerstandsfähigkeit und Agilität aufzubauen und sich gegen die kommenden Krisen zu wappnen. Aber was bedeutet das für die Zukunft? Welche Risiken werden die unternehmerische Planung der nächsten Jahre und Jahrzehnte beeinflussen? Benannt hat sie jüngst das Weltwirtschaftsforum von Davos, ein Zusammenschluss von Ökonomen, Managern, Politikern und Philanthropen. In deren aktuellem „Global Risks Report“ über die Risiken der Weltwirtschaft sind die größten fünf Risiken ökologischer Natur: Zuvorderst benannt werden „Wetterextreme“, „Scheitern beim Klimaschutz“, „Naturkatastrophen“, „Artensterben“ und „vom Menschen verursachte Umweltkatastrophen“. Danach zählt das Gremium  „Datenbetrug, Datendiebstahl und Cyber-Attacken“ auf.

 

Manager in Wirtschaftsunternehmen haben all diese Gefahren bereits auf dem Schirm. Davon ist jedenfalls Karsten Kieckhäfer überzeugt, Professor für Betriebswirtschaftslehre, Produktion und Logistik an der Fern-Universität in Hagen: „Sie haben längst begriffen, dass es keine andere Wahl gibt, als zu einer Transformation von Wirtschaft und Gesellschaft im Sinne der nachhaltigen Entwicklung beizutragen“, sagt er. Aber: Was ist mit der Politik? Wird hier schnell und entschlossen gehandelt, um die drohende Klimakrise abzuwenden? Werden hier adäquate Maßnahmen ergriffen, um die Wirtschaft nicht kurzfristig zu überlasten, sondern im Sinne einer nachhaltigen Entwicklung zu schützen?

 

Als Beispiel für die Vielschichtigkeit der Debatte kann das sogenannte Lieferkettengesetz dienen, das derzeit diskutiert wird. Deutsche Unternehmen sollen künftig dazu verpflichtet werden, soziale und ökologische Mindeststandards einzuhalten. Nicht nur bei ihnen im Betrieb, sondern über die gesamte Wertschöpfungskette hinweg, vom Kleinbauern in Südamerika oder Asien über den lokalen Produzenten, die Zwischenhändler, die Logistik bis zum Vertrieb. „Viele deutsche Unternehmen wird die Umsetzung aufgrund ihrer globalen Lieferketten und des internationalen Wettbewerbs vor große Herausforderungen stellen“, befürchtet BDI-Präsident Siegfried Russwurm. Er ist davon überzeugt: „Die Achtung von Menschenrechten ist für unsere Unternehmen selbstverständlich.“

 

Aber wie sieht es bei den Zulieferern aus? Das Fazit einer Studie des Business & Human Rights Resource Centres und der ZHAW School of Management and Law aus dem vergangenen Jahr fällt eindeutig aus: „Keines der größten deutschen Unternehmen scheint die grundlegenden Erwartungen an die Achtung der Menschenrechte zu erfüllen, obwohl es sich bei allen um globale Unternehmen handelt, viele mit komplexen Lieferketten, wo Menschenrechtsverletzungen nachweislich verbreitet sind“, erklärte Phil Bloomer, Geschäftsführer des Business & Human Rights Resource Centres.

 

Das Lieferkettengesetz soll das ändern. Das ist ein immenser Eingriff in die unternehmerische Freiheit, der die Unternehmen und damit auch deren Kunden Geld kosten werde, bestätigt Betriebswirtschaftler Karsten Kieckhäfer. Aber er gibt zu bedenken: „Würden Sie nicht an ein Produkt, das Sie kaufen, die Anforderung stellen, dass das Produkt ohne Kinderarbeit hergestellt ist, dass es hergestellt ist unter sozialen Arbeitsbedingungen mit einer fairen Entlohnung? Dass Gewerkschaftsbildung erlaubt ist? Und ist es dann nicht auch Aufgabe der Unternehmen, im Sinne von ‚Eigentum verpflichtet‘, dafür Sorge zu tragen?“ Politik würde hier im Sinne der langfristigen Risikofolgenabschätzung gegen kurzfristige unternehmerische Interessen agieren. Denn es gäbe einen globalen Effekt: Die Lebensbedingungen in den ärmeren Ländern würden sich verbessern. Der Klimawandel würde sich verlangsamen. Möglicherweise würden sogar künftige Flüchtlingskrisen vermieden.

 

Wie stark diese Effekte sein werden, ob sie überhaupt messbar sind, darüber lässt sich sicherlich trefflich streiten. Aber dass globale Risikobegrenzung eine langfristige Aufgabe ist, darüber herrscht wohl Konsens. Nichts anderes ist der European Green Deal, der Europa eine neue Wachstumsstrategie verordnet, um den Übergang zu einer ressourceneffizienten Wirtschaft zu bewältigen. Demnach dürfen 2050 in der Europäischen Union keine Netto-Treibhausgasemissionen mehr freigesetzt werden. Klimaneutral zu wirtschaften, das ist eine riesige Herausforderung für Industrie und Wirtschaft. Aber der Weg dorthin ist klar, er bietet Planbarkeit und einen klaren Zeithorizont. Das sind optimale Rahmenbedingungen für Risikomanager.

 

In Sachen Covid-19 sieht das leider anders aus. Wie soll der „Risikomanager Staat“ weiter agieren? Politik und Ökonomie sind unschlüssig. Marcel Fratzscher, Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung, fordert, die Abhängigkeit der Unternehmen von den Staatsgeldern zurückzufahren, „um die fatale Abhängigkeit von den Staatsgeldern zu beenden“. Es mache keinen Sinn, Insolvenzen mit Staatshilfen zu verschleppen. „Die Stunde der Wahrheit wird für viele Unternehmen dann schlagen, wenn der Staat mit dem Abklingen der Pandemie die Wirtschaftshilfen zurückfährt“, so Fratzscher. Unternehmen, die nicht von diesen Hilfen abhängig geworden sind, könnten die Pandemie als Vorwand nutzen, um noch stärkere Konzessionen und Hilfen mit der Politik auszuhandeln. Die deutsche Autoindustrie, insbesondere das Beispiel Daimler, zeigt, dass dieses Szenario nicht unrealistisch ist. Die Folge: „Der unvermeidliche Strukturwandel, vor allem mit Blick auf Klimaschutz und digitale Transformation, wird umso schwerer, je länger der Staat versucht, existierende Strukturen zu zementieren“, so Fratzscher.  

 

Umso mehr kommt es darauf, an, dass die Politik den richtigen Rahmen setzt und wieder faire Verhältnisse für alle Unternehmer schafft. Nur so lässt sich auch das Weltwirtschaftsforum von Davos verstehen, wenn es unter den Top-Ten-Risiken auch dieses aufzählt: globales Regierungsversagen. Gemeint ist „das Unvermögen globaler Institutionen, wirtschaftliche, geopolitische oder Umwelt-Aspekte zu lösen“. Ein Risiko, das professionelle Risikomanager gut kennen, auf das sie aber nur wenig Einfluss haben.